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Bonjour! Schön, dass Du wieder dabei bist.
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Ausgabe 6 / I never met Napoleon
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Jeder von uns hat wohl mindestens eine Erinnerung an eine verpasste Gelegenheit, einen Moment, dessen Chance zu spät sichtbar wurde. Ich sah Napoleon in einem Münchner Kaffee und MACHTE KEIN FOTO!
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I never met Napoleon
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Code de l'instant — Hast Du es nicht fotografiert, ist es auch nicht passiert
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2009. Es muss diese Jahreszeit gewesen sein. Fasching, Nachmittags in einem Münchner Café. Plötzlich spaziert Napoleon herein! Er und seine Entourage setzen sich ein paar Tische weiter.
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Ich traute mich damals nicht oder ich bin in dem Moment erst gar nicht auf die Idee gekommen, hinzugehen und nach einem Foto zu fragen.
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Na ja. Wie auch immer. Dass das eine verpasste Chance auf ein eventuell außergewöhnliches Foto war, wurde mir schnell klar.
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Ich war traurig. Warum hatte ich nicht fotografiert? Warum hatte ich den Beweis nicht gesichert, das Bild nicht gemacht, den Moment nicht festgehalten für alle Zeiten?
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„Hast Du es nicht fotografiert, ist es auch nicht passiert.“, so hieß es schon damals in der Social Media Scene. Somit passt Donald Fagens „I never met Napoleon ...“ aus dem Steely Dan Song Pretzel Logic ganz hervorragend auch zu meiner Situation. Selbst wenn Fagen hier auf eine geplante Zeitreise anspielt.
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Jedesmal wenn ich den Song heute höre, habe ich die Szenerie wieder vor Augen. Ich habe Napoleon nie getroffen. Der Schmerz darüber saß tief, ließ aber nach über die Jahre.
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Dieser Napoleon Moment gehört nur mir allein
Ab und zu prompte ich Textzeilen aus diversen Lieblingssongs in die ein oder andere Bild-KI, Nano Banana in diesem Fall.
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Eingegebener Prompt zu Napoleon: Napoleon betritt ein neuzeitliches, modernes und schlicht eingerichtetes Café. Zeitgenössisch, fotorealistische Darstellung.
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Ich finde das Ergebnis ziemlich gelungen. Angefangen beim Interior Design bis hin zu den Gästen, von denen die meisten ihr Smartphone auf Napoleon richten. Witzig und vor allem — realistisch!
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Das Bild aus meiner Erinnerung entspricht sicher auch nur vage der damals auf meine Netzhaut projizierten Realität. Also, was soll’s. Nano Banana gab mir ein hervorragendes „So hätte es ausgesehen haben.“ Es leistete somit auch Trauerarbeit und half mir loszulassen beziehungsweise den einen Moment dort zu lassen, wo er nur mir allein gehört. In meinem Kopf.
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In der Zwischenzeit stieß ich auch auf Fotografinnen und Fotografen, die den „bewusst nicht fotografierten Moment“ offiziell in ihr Spektrum aufnahmen. Damit entsteht in gewisser Weise eine weitere Ebene in der Interpretation von gesehenen, fotografierten und reproduzierten Bildern. Ein Fazit könnte lauten: Das Original existiert nur an einem einzigen Ort. In Deinem Kopf. Der Moment gehört nur den Augen, die ihn sehen."
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Mein persönliches Universum der Wahrnehmungen hat sich damit noch mal ein ganzes Stück ausgeweitet.
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200 Jahre Fotografie
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Im französischen Le Gras entsteht 1826 die erste bekannte Fotografie
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Fast zeitgleich mit dem ’Siegeszug der bildgebenden KI’ feiert die Fotografie ihren zweihundertsten Geburtstag.
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Das Licht, das die Welt veränderte
Nicéphore Niépce konnte nicht zeichnen
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Seine Hand versagte vor dem leeren Blatt. Also suchte er einen anderen Weg. Einen Weg ohne Talent. Ohne Pinsel. Im Sommer 1827 richtete er eine Camera obscura auf den Hof seines burgundischen Landguts. Tagelang belichtete er eine Zinnplatte mit Bitumen.
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Das Ergebnis war körnig. Kaum lesbar. Mehr Ahnung als Abbild.
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Blick aus dem Fenster in Le Gras, Joseph Nicéphore Niépce
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Es wurde offiziell die erste Fotografie der Geschichte
Niépce starb sechs Jahre später, finanziell ruiniert. Sein Grab bezahlte die Gemeinde. Louis Daguerre, der brillante Showman, perfektionierte das Verfahren und erntete den Ruhm. Die französische Regierung vergab ihm eine üppige Pension. Der wahre Erfinder lag längst unter der Erde.
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So funktioniert Geschichte manchmal
Der Historienmaler Paul Delaroche soll ausgerufen haben: „Von heute an ist die Malerei tot!" Charles Baudelaire beschimpfte das fotobegeisterte Publikum als schmutzige Gesellschaft, einen einzigen Narcissus, der hereile, sein triviales Abbild auf dem Metall zu betrachten. Er selbst ließ sich mehrfach fotografieren. Seine Porträts sind heute ikonisch.
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Der Philosoph Vilém Flusser nannte die Erfindung den zweiten fundamentalen Einschnitt der Menschheitsgeschichte nach der Schrift. Sie befreite die Malerei von der Abbildungspflicht. Sie demokratisierte das Bildnis. Sie legte den Grundstein für alles, was wir heute sehen.
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200 Jahre später erzeugt künstliche Intelligenz Bilder in Sekunden. Ohne Kamera. Ohne Licht. Ohne die Geduld einer Zinnplatte in einem französischen Arbeitszimmer. Die Fragen von damals sind die Fragen von heute: Was ist Authentizität? Was unterscheidet Kunst von Technik?
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Im Musée Nicéphore Niépce in Chalon-sur-Saône steht noch immer der erste Fotoapparat der Welt.
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Flusser warnte prophetisch: „Unsere Gedanken, Gefühle, Wünsche und Handlungen werden robotisiert; Leben bedeutet, Apparate zu füttern und von ihnen gefüttert zu werden."
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Die Fotografie war die erste Fütterung.
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Ein Mann, der nicht zeichnen konnte, schenkte der Menschheit ein neues Auge.
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Veranstaltungskalender: 200 Jahre Fotografie
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- Maison de la Lumière, Rosshäusern – ab 11. Januar 2026 „200 Jahre Fotografie (1826–2026)"
- Technische Sammlungen Dresden – ab 1. Februar 2026 „Thomas Bachler. Heliografien" mit Live-Entwicklung einer Heliografie
- Museum für Fotografie Berlin – ab April 2026 Retrospektive der Bauhaus-Fotografin Grit Kallin-Fischer
- Triennale der Photographie Hamburg – 5. Juni bis 22. September 2026 12 Ausstellungen in 8 Museen, Thema: „Alliance, Infinity, Love – in the Face of the Other"
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- Rencontres d'Arles – 6. Juli bis 4. Oktober 2026 Das bedeutendste europäische Fotofestival mit rund 40 Ausstellungen
- Grand Palais Paris – Herbst 2026 Große Eröffnungsausstellung in Partnerschaft mit dem Centre Pompidou
- Paris Photo, Grand Palais – 12. bis 15. November 2026 Über 200 internationale Aussteller
- Bibliothèque nationale de France – 2026 „Noir & Blanc" – 300 Werke, 150 Jahre Schwarz-Weiß-Fotografie
- Musée Nicéphore Niépce, Chalon-sur-Saône – ganzjährig 3 Millionen Bilder, 10.000 Apparate, der erste Fotoapparat der Welt
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Podcast Empfehlung „Fotomenschen“
Der Geschichtenerzähler
Dirk Primbs ist hauptberuflich Software-Ingenieur bei Google in Toronto. Fotografie betreibt er seit 1996, Podcasts seit 2014. Insgesamt acht Stück mit über 1.500 Episoden. Das Begleitbuch „30 × Fotogeschichte(n)" erschien 2022 im dpunkt.verlag.
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Primbs Podcast „Fotomenschen" ist anders als die meisten zum Thema Fotografie. Keine Interviews, keine Technik-Reviews. Dafür aber spannende Lebensgeschichten von Fotografinnen und Fotografen, sowie die Erläuterung ihrer fotografischen Ansätze.
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Lee Miller. Vom Vogue-Model zur Kriegsfotografin, die in Hitlers Badewanne posierte.
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Dorothea Lange. Ihre „Migrant Mother" wurde zum Gesicht der Großen Depression.
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Diane Arbus. Die Chronistin der Außenseiter, die das Normale fremd machte.
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Letizia Battaglia. Sie dokumentierte die Mafia in Palermo, als das lebensgefährlich war.
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Edward Steichen. Seine Ausstellung „The Family of Man" sahen neun Millionen Menschen.
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Geschichten über das Sehen
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90 Folgen, jede zwischen zehn und zwanzig Minuten lang.
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Seit März 2023 pausiert der Podcast. Leider. Das Archiv bleibt allerdings abrufbar.
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Links
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Nur noch bis zum 22. Februar 2026:
In der ALBERTINA, in Wien — Täglich 10–18 Uhr, Mi & Fr bis 21 Uhr
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Lisette Model (1901–1983) stammte aus einer jüdischen Wiener Familie und zählt zu den einflussreichsten Fotografinnen des 20. Jahrhunderts. Nach ihrer Emigration nach New York 1938 erlangte sie rasch Bekanntheit durch ihre Arbeiten für Magazine wie Harper's Bazaar. Ihre Motive: das urbane Leben in all seinen Facetten – die Armut der Lower East Side, die Upper Class bei ihren Vergnügungen, das Nachtleben in Bars und Jazzclubs. Während der McCarthy-Ära wurde Model zu einer einflussreichen Lehrerin (zu ihren Schülerinnen zählte Diane Arbus, siehe „Fotomenschen“).
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Bis zum nächsten Mal
Ausgabe 7, März 2026 — Kunst kommt von ... : Wann nennen wir es Kunst? — Kraftorte und ihre Symbole: Die Office Manufaktur — KI: Orientierungshilfen und das Warum Menschenkenntnis jetzt wichtiger wird als Expertise.
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Ich freue mich über Dein Feedback. Schreib mir gerne oder ruf mich gerne an. Vielen Dank für Dein Interesse.
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