Share this emailCopy the public link or share it on your favorite channel.
website email 

Kann man nicht beschreiben ...

Die Ausgabe 4 befasst sich unter anderem mit dem, was Meisterinnen und Meister der Porträtfotografie ausmacht. Hier, Peter Lindbergh.

Ausgabe 4 / Kann man nicht beschreiben ...

... muss man erleben

Geduld statt Erwartung

„Aaah, jetzt versteh ich!“, dachte ich laut vor mich hin, als ich die Lindbergh Doku, Peter Lindbergh – Women's Stories gesehen hatte. Vor allem das Kapitel mit Naomi Campbell im Swimmingpool war aufschlussreich.
Naomi Campbell steht am Rand eines flachen Pools. Sie soll rein, will aber nicht. Sie kann nicht schwimmen. Sie streitet mit Lindbergh, sie wehrt sich. Es wird letztendlich aber doch noch ein ganz besonders gutes Shooting.


Die Wendung

Lindbergh drängt nicht, er wartet. Er geht selbst als Erster in den Pool, macht Witze, macht Spaß. Er arbeitet geduldig mit Naomi Campbell, bis sie sich einlässt.
Als sie Jahre später das Archivmaterial sieht, verdreht sie die Augen über sich selbst: „How did people cope with me?"

Campbell war sechzehn, als sie Lindbergh zum ersten Mal gegenüberstand. Es war kalt in Deauville am Strand, es regnete, sie war kaum bekleidet. Aber sie fühlte sich sicher.
„Er konnte einen die Zeit vergessen lassen", sagt sie heute. „Irgendwo zwischen einem Zauberer und einem aufgeregten Kind. Er summte vor Energie. Selbst wenn es dunkel wurde, arbeiteten wir weiter, tief in die Nacht hinein."

Was andere sagen

Linda Evangelista spricht von Bildern, die man erst nach fünfundzwanzig Jahren wirklich liebt – weil sie etwas zeigen, das man selbst noch nicht kannte.

Christy Turlington sagt, sie habe sich vor seiner Linse nie verstellen müssen.

Fazit

Peter Lindberghs Gabe: Er brachte Menschen dazu, Dinge zu tun, die sie eigentlich nicht tun wollten, weil sie ihm vertrauten. Weil sie sich gesehen, verstanden und respektiert fühlten.

Lindbergh gewann mit seiner Geduld. Durch das Gefühl, bei ihm sicher und gut aufgehoben zu sein.
/ Peter Lindbergh – Women's Stories (2019), Die Dokumentation, in der auch die Pool-Szene mit Naomi Campbell zu sehen ist. Interviews, Archivmaterial und Einblicke hinter die Kulissen seiner letzten Arbeiten. IMDb /

/ Peter Lindbergh – The Eye (2016), Eine intime Dokumentation von Gero von Boehm. Lindbergh beim Fotografieren auf den Straßen von Paris.

Photographer. Streaming-Tipp

Wer sich grundsätzlich für das Fotografieren sowie für andere Fotografinnen und Fotografen interessiert, dem sei die National Geographic-Serie „Photographer" sehr ans Herz gelegt.

Sechs Episoden, sechs Fotografen, sechs Versuche, das Unsichtbare sichtbar zu machen. Nicht die Motive, sondern die Menschen, die sie einfangen.

Die Oscar-prämierten Filmemacher von „Free Solo", E. Chai Vasarhelyi und Jimmy Chin, haben die Kamera umgedreht. Statt spektakulärer Aufnahmen zeigen sie die Einsamkeit des Wartens, die Frustration des Scheiterns, die stille Euphorie des gelungenen Bildes.

Da ist das Ehepaar Nicklen und Mittermeier, das durch die Bahamas segelt, um eine bedrohte Unterwasserwelt zu dokumentieren. Da ist Anand Varma, der die Verwandlung eines Eies zum Küken festhalten will und beim hundertsten Versuch sagt: „Es gibt keine magische Formel." Da ist Campbell Addy, der Beyoncé fotografierte und davon erzählt, was es bedeutet, als Schwarzer Mann in einer weißen Industrie zu arbeiten.

Was nachklingt, ist eine Meditation über das Sehen selbst. Für alle, die wissen wollen, wie es ist, die Welt in Bildern festzuhalten und zu zeigen.

PS: Ich schrieb in der Vorschau zu dieser Ausgabe, es handle sich bei „Photographer" um eine ARTE Doku. Das war falsch. Sorry.
Streaming: Disney+ | Hulu (USA)
Format: 6 Episoden à 60 Minuten

Design-Freak Sandra Wellershaus

Die Corporate-Design-Expertin

Mit Sandra Wellershaus verbindet mich eine mehrjährige, sehr inspirierende Zusammenarbeit. Zunächst waren es Kundenproduktionen, die wir mit unseren jeweiligen Talenten betreuten und seit diesem Jahr erarbeiten wir ein gemeinsames Workshop-Format. Dazu mehr in einer der nächsten Ausgaben dieses Newsletters.

Zu ihrem Online-Patchwork-Magazin „Schulterblick“ durfte ich in Ausgabe 3 nun auch drei Doppelseiten beitragen.

Großformate auf Alu-Dibond für die Wand

Zwei meiner drei Fotomotive gibt es hier nun auf 100 x 70 cm Alu-Dibond. Mit dem CODE 3ABGLANZ25: 50 % Preisnachlass. Gültig bis zum 15.12.2025.

Noch bis zum 22. Februar 2026:

Martin Parr. GRAND HOTEL PARR

Neues Museum Nürnberg

Martin Parr (1952–2025). Er nannte sich selbst „Mr. Ordinary". Doch sein Blick war alles andere als gewöhnlich. Mit grellem Blitzlicht und übersättigten Farben hielt Martin Parr unserer Konsumgesellschaft den Spiegel vor: die überfüllten Strände, die Souvenirläden, die Pommes auf Papptellern.

Was bei anderen Fotografen Sozialkritik gewesen wäre, wurde bei ihm zur ironischen Bestandsaufnahme, scharf, aber nie verächtlich. Seine Bilder zeigen Menschen in ihren kleinen Fluchten und Vergnügungen, ohne sie vorzuführen.
Siebenunddreißig Jahre lang gehörte der Brite zur Agentur Magnum. Seine Aufnahmen sind längst Teil unseres visuellen Gedächtnisses geworden.
Martin Parr, geboren 1952 in Epsom bei London, ist im Alter von 73 Jahren verstorben.

Nachklang

close-up black and white portrait of Dasha, the mermaid.

Wie ein leises Echo

Eine Emotion, die nachklingt wie ein leises Echo. Ein besonderer Glanz in den Augen. Das ganze Gesicht schwingt nach. Wie heißt es so schön? „Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht.“ Jede Emotion hinterlässt Spuren, wie die Meereswellen oder der Wind im Sand.

In diesen Spuren zeigt sich die viel zitierte Handschrift der Fotografin oder des Fotografen. Oder auch die gemeinsame Handschrift aller Beteiligten. Denn jede zwischenmenschliche Interaktion hat ihre ganz eigene Schwingung.

Bis zum nächsten Mal

Ausgabe 5, Januar 2026 — Humor. Die unterschätzte Superkraft und FOTOMENSCHEN, mein Lieblingspodcast über Fotografinnen und Fotografen.
Et cetera.

Ich freue mich über Dein Feedback. Schreib mir gerne oder ruf mich gerne an. Vielen Dank für Dein Interesse und schöne Feiertage. Bis zum nächsten Jahr.
Fotografien © Raimund Verspohl